
Modigliani
Wer will sich diesen Frauen entziehen? Selbstbewusst blicken sie einem entgegen und ruhen zugleich in sich. Amedeo Modigliani lässt sie über ihren Raum bestimmen, mal charmant, mal neugierig-frech – und immer wieder nachdenklich. Die Akte geben sich so ungezwungen und entspannt, als sei nacktes Posieren das Normalste überhaupt. Damit bringt Modigliani verblüffend moderne Frauen auf die Leinwand. Noch heute würden die meisten von ihnen weder im Supermarkt noch beim Sport auffallen, und nicht etwa, weil sie unscheinbar daherkommen. Im Gegenteil: Mit ihren kurzen Haaren und dem androgynen Look passen sie perfekt in unsere Zeit.
Was ich suche, ist weder Realität noch Irrealität, sondern das Unterbewusstsein, das instinktive Geheimnis des Menschen.

Amedeo Modigliani: Frauenbildnis, 1918, Denver Art Museum Collection, The Charles Francis Hendrie Memorial Collection
Photos aus dem Freundeskreis Modiglianis belegen, dass die Matrosenbluse ein beliebtes Kleidungsstück unter Künstlerinnen der Bohème war. So wurde sie von Nina Hamnett getragen, die berichtete, sie sei in den Kneipen am Montparnasse mit Seemannsliedern aufgetreten.

Amedeo Modigliani: Sitzender Akt, 1916, The Courtauld, London (Samuel Courtauld Trust)
Photo: The Courtauld / Bridgeman Images
Als eines der ersten Bilder in der Serie seiner Akte malte Amedeo Modigliani diesen Sitzenden Akt. Die Dargestellte wirkt modern und unprätentiös – entsprechend dem neuen Schönheitsideal.
Die Ausstellung Modigliani. Moderne Blicke rückt auch ein Bild gerade: den Mythos vom ständig alkoholisierten Künstler, der sich im Rausch auf stumme Stereotypen beschränkt, und genauso die Mär vom egomanen Schürzenjäger, der durch seinen frühen Tuberkulosetod gleich noch die schwangere Lebensgefährtin in den Selbstmord treibt. Amedeo Modigliani ist Frauen mit einigem Respekt begegnet. Man könnte ihn sogar als einen frühen Feministen bezeichnen. Das Ausstellungsprojekt – in Kooperation mit der Staatsgalerie Stuttgart – beschränkt sich nicht nur auf das Pariser Umfeld und den Montmartre, sondern zeigt den Künstler im europäischen Kontext zwischen Gustav Klimt und Egon Schiele, Paula Modersohn-Becker oder Wilhelm Lehmbruck.

Anonym: Amedeo Modigliani, um 1919
Amedeo Modigliani um 1919
Modigliani liebte die Poesie und urteilte ... mit Seele und einem geheimnisvollen Sensorium für das Feinsinnige und Abenteuerliche.


Der vom Künstler gewählte Titel Die Jüdin ist programmatisch: Amedeo Modigliani
kam aus einem Elternhaus liberaler sephardischer Juden. Auch wenn er die Religion nicht lebte, bekannte er sich zu seiner Herkunft und verband mit ihr die Weltoffenheit seiner Heimatstadt Livorno. Das blaudominierte Werk orientiert sich an Picassos Arbeiten aus der Blauen Periode.
Amedeo Modigliani: Die Jüdin, 1907/08, Laure Denier Collection, Familie Paul Alexandre
Amedeo Modigliani wächst in einer weltoffenen Umgebung auf. Zum einen ist da die toskanische Hafenstadt Livorno, in der er am 12. Juli 1884 geboren wird, zum anderen vor allem sein liberales jüdisches Elternhaus. Bildung hat einen hohen Stellenwert, und „Dedo“, wie das jüngste von vier Geschwistern von allen genannt wird, fällt durch „frühreife Intelligenz und Nachdenklichkeit“ auf.
Er verschlingt stapelweise Bücher, kennt Dante und Petrarca bis ins Detail. Weil das Familienunternehmen kurz vor Amedeos Geburt bankrottgegangen ist, bestreitet die französische Mutter den Lebensunterhalt als Sprachenlehrerin und mit literarischen Übersetzungen. Darunter auch Werke Gabriele D’Annunzios.

Amedeo Modigliani: Die Jüdin, 1907/08, Laure Denier Collection, Familie Paul Alexandre
Der vom Künstler gewählte Titel Die Jüdin ist programmatisch: Amedeo Modigliani
kam aus einem Elternhaus liberaler sephardischer Juden. Auch wenn er die Religion nicht lebte, bekannte er sich zu seiner Herkunft und verband mit ihr die Weltoffenheit seiner Heimatstadt Livorno. Das blaudominierte Werk orientiert sich an Picassos Arbeiten aus der Blauen Periode.
Dedo kränkelt und wird zu Hause unterrichtet. Den Stift legt er kaum aus der Hand, versieht jedes Blatt mit kleinen Zeichnungen – das werden später auch die Freunde am Montmartre beobachten. Der philosophisch interessierte Großvater vermittelt dem Jungen ein humanistisch geprägtes Weltbild und durchstreift mit ihm die Museen. Die Uffizien im nahen Florenz kennt Dedo wie seine Westentasche. Dass er bereits als Jugendlicher fest entschlossen ist, Maler zu werden, kommt nicht von Ungefähr. Zumal seine Cousinen Olga und Corinna Modigliani mit einigem Erfolg als Künstlerinnen in Rom arbeiten und sogar auf der Biennale in Venedig ausstellen.
Amedeo wohnt eine Zeit im Atelierhaus der beiden, nachdem er sich wegen eines immer wieder ausbrechenden Lungenleidens in den italienischen Süden begibt. Seine schwache Gesundheit hält den jungen Mann dennoch nicht davon ab, in Florenz und Venedig Kunst zu studieren.

Wenn Amedeo Modigliani mit 35 Jahren an den Folgen einer tuberkulösen Meningitis stirbt, dann ist das nur zum Teil einem „unsteten“ Lebenswandel geschuldet. Schon als Kleinkind litt er an Rippenfellentzündungen, mit 14 Jahren erkrankt er an Typhus, und es folgt eine schwere Lungenerkrankung. Wochenlang schwebt Amedeo zwischen Leben und Tod.
Dass er die Schule abbrechen muss, kommt ihm nicht ungelegen, zumal er viel lieber zeichnet und mit 14 Jahren fundierten Unterricht bei Guglielmo Micheli nehmen kann. Allerdings steckt er sich im Atelier des Malers mit der um 1900 noch unheilbaren Tuberkulose an. Fortan wird sie ihn regelmäßig in die Knie zwingen. Dass Modigliani später in Paris die Bildhauerei nach einer vielversprechenden Phase wieder beendet, hat nicht zuletzt mit seiner körperlichen Schwächung zu tun.

Amedeo Modigliani: Kopf, 1909-1912, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe
Photo: bpk / Staatliche Kunsthalle Karlsruhe / Wolfgang Pankoke
Es ist ein ewiges Auf und Ab, dabei wird die Kunst auch zum Antrieb und Lebenselixier. Selbst in den Wirren des Ersten Weltkriegs und an der Côte d’Azur, wo Modigliani Zuflucht vor den deutschen Truppen sucht, hört er nicht auf zu malen – bis zu seinem frühen Tod im Januar 1920. Der Mythos vom kranken Künstlergenius lässt dann auch nicht lange auf sich warten.


Ein bisschen schnöselig wirkt Amedeo Modigliani bei seiner Ankunft in Paris. Der 22-Jährige fällt durch seine elegante Kleidung auf. Doch bei allem leicht elitär wirkenden Auftreten kommt der Italiener gut an und ist in Künstlerkreisen schnell akzeptiert.
Dominique Couto: Modigliani in seinem Atelier, rue Ravignan, 1915
© bpk, Berlin
1906, da ist Modigliani gerade 22 Jahre alt, zieht es ihn nach Paris. Auf dem Montmartre wird die Kunst umgekrempelt, und Modigliani wohnt ganz in der Nähe des legendären „Bateau-Lavoir“, dem heruntergekommenen Atelierhaus, in dem Picasso gerade dabei ist, sich zu seinen Demoiselles d’Avignon durchzuringen, und die Avantgarde den Kubismus und andere Visionen ausbrütet.

Paul Guillaume: Modigliani in seinem Atelier (stehend) in der Rue Ravignan am Montmarte, 1915
© akg-images, Berlin
Spartanisch wohnt Amedeo Modigliani in Paris, von Anfang an will er ausschließlich von der Kunst leben. Die Mieten am Montmartre sind erschwinglich, im Atelier an der Rue Ravignan steht nur das Allernötigste. Der Galerist Paul Guillaume hat den Künstler im Jahr 1915 dort fotografiert.

Jean Cocteau: Amedeo Modigliani, Pablo Picasso und Andre Salmon vor dem Café de la Rotonde, Paris, August 1916
Amedeo Modigliani wohnt in der Nähe von Picasso, verfolgt dessen Arbeit an den Demoiselles d’Avignon und ohnehin die Entwicklung hin zum Kubismus und den anderen Spielarten der Moderne.
Im Gegensatz zum Spanier Picasso, über dessen Akzent man sich lustig macht, spricht der weltgewandte Modigliani fließend Französisch, zitiert Baudelaire und noch lieber Dante. Die Frauen fliegen auf den feinsinnigen Charmeur mit den leuchtenden Augen, genauso sind die Künstlerkollegen angetan vom freundschaftlich-offenen Wesen und den geistreichen Unterhaltungen. Mit seinem großen schwarzen Filzhut, dem Samtanzug und dem roten Schal fällt er zwar aus dem Rahmen, doch die gewandten Hände und der sichere Strich verraten die Professionalität.

Amedeo Modigliani: Skizze eines weiblichen Aktes in Bewegung, 1909, Privatsammlung, vormals Sammlung Paul Alexandre
Die Skizze in blauer Tusche zeigt einen schmalen Frauenkörper, dessen Bewegung unmittelbar erfasst ist und darin den Aquarellen des Bildhauers Auguste Rodin ähnelt.
Modigliani zeichnet in einer Tour: seinen Gönner, den Arzt Paul Alexandre, und natürlich die Gefährten, mit denen er sich durch Cafés und Tanztheater flirtet. Die Nacht wird bald zum Tag, die Bohème zieht den jungen Mann aus wohlbehüteten Verhältnissen magisch an – das gilt auch für selbstbestimmte, außergewöhnliche Frauen.
Zu ihnen zählt auch die Freundin Maud Abrantès, die sich wie Modigliani zu Literatur und Kunst hingezogen fühlt und die, offensichtlich morphiumsüchtig, von Modigliani in einem beeindruckenden Portrait festgehalten wurde.

Amedeo Modigliani: Akt mit Hut (recto) / Maud Abrantès (verso), 1908, Hecht Museum Collection
Modigliani hat Leinwände oft mehrfach verwendet. Die eine Seite zeigt die Amerikanerin Leontine Phipps, die sich den Künstlernamen Maud Abrantès gab. Modigliani porträtiert die vom Morphium gezeichnete Freundin im Jahr 1908.

Amedeo Modigliani: Akt mit Hut (recto) / Maud Abrantès (verso), 1908, Hecht Museum Collection
Auf der Vorderseite erinnert der bleiche Akt mit Hut an das künstlerische Umfeld auf dem Montmartre.


Wenige Maler haben ihr künstlerisches Umfeld so ausgiebig porträtiert wie Modigliani. Den zehn Jahre jüngeren Chaïm Soutine aus dem damals russischen Belarus hält er gleich dreimal fest. Die beiden sind sich vom ersten Moment an sympathisch. Das mag auch mit den gemeinsamen jüdischen Wurzeln zu tun haben. Soutine wirkt auf dem kleinen Bildnis von 1915 hellwach und jungenhaft frech.
Amedeo Modigliani: Chaïm Soutine, 1915, Staatsgalerie Stuttgart
In Europa rasseln überall die Säbel, doch am Montparnasse herrscht im Sommer 1914 immer noch ein faszinierend offenes Klima. Selbst nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs interessiert in Künstlerkreisen weniger die Nationalität als die Experimentierfreude. Der Aufbruch in die Moderne wird nicht zuletzt von Immigranten bestimmt, die in Paris den freien Austausch suchen und ganz nonchalant ihre Traditionen in die Avantgarde einbringen. Modigliani beobachtet präzise, malt seinen Umkreis und genauso neue Kollegen, die wie der Mexikaner Diego Rivera zur Inspiration an die Seine reisen.

Amedeo Modigliani: Diego Rivera, 1914, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, erworben über die Freunde der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen aus Spenden der nordrhein-westfälischen Wirtschaft und ergänzenden Landesmitteln im Jahr 1986
© bpk / Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf / Walter Klein
Der mexikanische Maler Diego Rivera hielt sich zwischen 1911 und 1921 wiederholt in Paris auf, wo er sich mit dem Kubismus auseinandersetzte. Modigliani war mit Rivera freundschaftlich verbunden und malte mehrere Bildnisse des Mexikaners. Nach intensiver Beschäftigung mit der Bildhauerei entstand 1914 als eines seiner ersten Gemälde dieses Portrait.

Amedeo Modigliani: Juan Gris, 1915, The Metropolitan Museum of Art, New York, Vermächtnis Miss Adelaide Milton de Groot (1876–1967), 1967
Photo: bpk / The Metropolitan Museum of Art
Der Spanier Juan Gris war wie Modigliani 1906 nach Paris gekommen. Mit Pablo Picasso und Georges Braque entwickelt er den synthetischen Kubismus, der Modigliani allenfalls formale Anregungen liefert. Durch seinen geneigten Kopf, die langen Wimpern und feinen Gesichtszüge wirkt Gris auf dem Porträt von 1915 überraschend feminin und wie ein Pendant zu Modiglianis modernen Frauen mit kurzem Haar.
Modiglianis Stil ist jetzt markant und unverwechselbar, gerade in der Reduktion auf das Wesentliche: Ganz direkt sehen die porträtierten Freunde dem Publikum entgegen, so, als wollten sie ihre künstlerischen Überzeugungen noch einmal mit dem eigenen Konterfei unterstreichen. Das gilt für Juan Gris wie Moïse Kisling und Chaïm Soutine, mit dem Modigliani ein besonderes Einvernehmen verbindet. Die Gesichter werden um 1915 noch flächiger, fast wie Scheiben. Augen und Nase sind durch einfache Konturen wiedergegeben, und man muss unwillkürlich an die bald 5000 Jahre alten Kykladen-Idole denken, die auch auf Brâncuşi und Picasso Eindruck gemacht haben.

Amedeo Modigliani: Moïse Kisling, 1916, Pinacoteca di Brera, Mailand, Sammlung Jesi
Photo: bpk / Scala - courtesy of the Ministero Beni e Att. Culturali
Zarte Anklänge an den Kubismus lässt das Porträt Moïse Kislings erkennen – die Perspektiven sind leicht verschoben. Der in Krakau aufgewachsene Sohn einer polnisch-jüdischen Familie ist 1910 in Paris eingetroffen und zählt bald zum näheren Kreis um Modigliani. Wie seine spätere Frau, die Malerin Renée Gros, trägt er einen Bubikopfschnitt mit Pony. Im Anzug und mit Krawatte verkörpern die beiden das moderne Künstlerpaar.

Als Kind war Amedeo Modigliani von intellektuellen Frauen umgeben. Das hat ihn geprägt und bestimmt auch seinen Umgang mit Freundinnen und Geliebten. Sind sie musisch und literarisch gebildet, zieht in das umso mehr an. Das betrifft die gewandte, drogenabhängige Maud Abrantès – im reichen Bürgertum gehört Morphium fast zum guten Ton – und genauso Anna Achmatowa. Modigliani sieht in der russischen Dichterin eine Seelenverwandte, gemeinsam besuchen sie im Sommer 1910 die Pariser Museen, und er zeichnet die geistvoll schöne Bekanntschaft.
Ein eher aufreibendes On-Off-Verhältnis führt der Maler über zwei Jahre hinweg mit der sehr emanzipierten Schriftstellerin und Journalistin Beatrice Hastings. Er porträtiert die Britin ausgiebig, in Anspielung auf die Mätresse Ludwigs XV. trägt ein 1915 entstandenes Gemälde den vielsagenden Titel „Madam Pompadour“ – mit englischem „Madam“. Die beiden schenken sich nichts, Seitensprünge sind an der Tagesordnung, und 1916 geht die Verbindung dann auch auseinander. Denn Modigliani will mit der fast 14 Jahre jüngeren Jeanne Hébuterne zusammenziehen.

Amedeo Modigliani: Junge Frau (Victoria), 1916, Tate, Vermächtnis C. Frank Stoop 1933
Das Portrait der Victoria genannten jungen Frau malte Modigliani über ein Bildnis von Beatrice Hastings.
Die Liaison mit der Kunststudentin verläuft sehr viel harmonischer. Mehr als zwanzig Mal hat Modigliani seine letzte Gefährtin festgehalten, die Bilder erzählen von einem liebevollen Blick. In der turbulenten Zeit mit Hastings hat der Künstler allerdings zu seinem Stil gefunden, das heißt: zu den überlängten Hälsen, den geneigten Köpfen und mandelförmigen Augen.


Gedankenverloren wirkt die mädchenhafte Unbekannte. Das charakterisiert Modiglianis späte Frauen-Porträts. Mit ihrem Pagenkopf und der Krawatte zählt sie zu den typischen Vertreterinnen der femme moderne. Womöglich handelt es sich um die Künstlerin Renée Kisling, die für diese Frisur und den Kleidungsstil bekannt war.
Amedeo Modigliani: Mädchen mit einer gestreiften Bluse, 1917, Nahmad Collection
Photo: Christie's Images / Bridgeman Images
Hosen, Krawatten und kurze Haare – sich als Frau wie ein Mann zu kleiden, sorgt kurz nach 1900 für Irritationen und gilt als skandalös. Dass das auch praktisch sein kann, interessiert keinen. Umso erstaunlicher ist es, dass Amedeo Modigliani schon während des Ersten Weltkriegs eine femme moderne nach der anderen malt: mit Pagenkopf oder Bob, ja selbst mit raspelkurzem Boy Cut wie ihn die Buchhändlerin Elena Povolozky trägt. Modigliani nimmt vorweg, was erst spät in den 1920erJahren Mode wird. Er hat aber auch Zugang zur Modeszene und zu queeren Kreisen.

Amedeo Modigliani: Elena Povolozky, 1917, The Phillips Collection, Washington, D.C.
Photo: akg-images / Album
Hélène Joséphine Bernie Povolozky war aus Rennes nach Paris gekommen, um Künstlerin zu werden. Bestens vernetzt hat sie dann mit ihrem aus Russland emigrierten Ehemann die Werke der Avantgarde ausgestellt. Sie unterstützte Modigliani finanziell, der bedankte sich 1917 mit einem seiner besten Porträts. Es zeigt die Galeristin und Buchhändlerin mit melancholisch-kritischem Gesichtsausdruck – und in Männerkleidern sowie kurzem Bob. Povolozky könnte damit heute noch eine gute Figur machen. Unwillkürlich muss man an Picassos Bildnis seiner Mäzenin Gertrude Stein denken.
Unter fortschrittlichen Künstlerpaaren ist es angesagt, sich androgyn zu kleiden. Moïse und Renée Kisling wirken mit ihren schlichten Anzügen und dem Bubikopf oder Coupe garçonne wie Zwillinge. Modigliani ist mit beiden gut befreundet.

Amedeo Modigliani: Renée Kisling, 1915, Centre Pompidou, Paris, Musée national d'art moderne / Centre de création industrielle, 1963 erworben
Genauso trifft er sich mit Ossip Zadkine und dessen Freundin Nina Hamnett, die ihre bisexuellen Affären keineswegs verheimlicht. Die schillernde „Königin der Bohème“, wie Picasso sie nennt, leiht sich von Modigliani sogar eine Hose, um sich als „Apache“ verkleidet ins Pariser Nachtleben zu stürzen. Mit einer Tanzpartnerin. Kostüm- und Atelierfeste sind in Paris übrigens willkommene Gelegenheiten, die Rollen zu tauschen.

Jeanne Mammen: Skizzenbuch II, Blatt 38, 1910–1914, Jeanne-Mammen-Stiftung im Stadtmuseum Berlin
Photo: VG Bild-Kunst, Bonn 2024 / Jeanne-Mammen-Stiftung im Stadtmuseum Berlin / Dorin Alexandru Ionita, Berlin
Neben Amedeo Modigliani waren es nur wenige Kolleginnen, die auf ein neues Frauen-Bild gesetzt haben. Jeanne Mammen gehört dazu und auch Émilie Charmy. Üblich wurde das erst in den späten 1920er-Jahren im Zuge der Neuen Sachlichkeit. Mammen zeichnet um 1914 selbstbewusste Frauen in Männerkleidung oder zumindest mit Bobfrisur, wie das Beispiel aus ihrem Skizzenbuch demonstriert.

Emilie Charmy: Selbstbildnis, 1906/07, Galerie Bernard Bouche, Paris
© VG Bild-Kunst, Bonn 2024
In ihrem Selbstbildnis zeigte sich die Künstlerin Émilie Charmy im Matrosenhemd. Wenngleich männlich konnotiert, diente es um die Jahrhundertwende auch als Kinderkleidung. Charmy brachte ihre Distanz zum traditionellen Frauenbild gleich doppelt zum Ausdruck: Als kindliche Frau distanzierte sie sich vom Rollenbild der Mutter. Mit maskuliner Aufmachung zeigte sie ihre emanzipierte Haltung.


Nur scheinbar keusch hüllt sich die junge Frau mit den leeren grauen Augen in ihr weißes Tuch – und gibt doch den Blick auf die Brust frei. Modigliani setzt den spät im Exil an der Côte d’Azur gemalten Halbakt in ein schlichtes, kaum bestimmbares Interieur, das den Ton der Augen auf die gesamte Wandfläche ausdehnt. Freilich mit grünen Nuancen und einem feinen Schattenspiel. Modigliani besucht in dieser Zeit den greisen Pierre-Auguste Renoir, zieht den Hut vor dem großen Vorbild und setzt doch andere Akzente. Zumal Renoir sein Personal nie kühn angeschnitten hätte wie der junge Kollege.
Amedeo Modigliani: Weiblicher Halbakt, 1918, Albertina, Wien, Sammlung Batliner
Parallel zu den Porträts befasst sich Modigliani wieder intensiv mit der Aktmalerei. Picassos 1907 entstandene Demoiselles d'Avignon sind 1916 erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen und ringen dem Italiener eine Antwort ab. Mit der Dekonstruktion der Figur hat er nichts am Hut, vielmehr knüpfen seine unbefangen sich räkelnden Nackten an traditionelle Darstellungen an – und sprengen doch ihren Rahmen.

Amedeo Modigliani: Liegender Frauenakt mit verschlungenen Händen, 1917, Pinacoteca Agnelli, Turin
Gedankenversunken und regelrecht verspielt malt Modigliani den Liegenden Frauenakt mit verschlungenen Händen. Sich dehnend und rekelnd beansprucht die junge Frau allem Raum um sich herum. In ihrer Anmutung lässt sie an die Schlafende Ariadne denken, eine römische Kopie nach einem griechischen Original, die Modigliani 1900/01 in den Vatikanischen Museen gesehen hat.
Er bevorzugt harte Anschnitte, steigert das Inkarnat hin zu einem fast pompejanischen Rot, und mit den Proportionen nimmt er es auch nicht sonderlich genau. Vielleicht ist Modigliani der einzige Moderne, der sich ohne Vertun auf die Renaissancemalerei bezieht. Seine Akte gewinnen so etwas Überzeitliches, Klassisches.

Amedeo Modigliani: Auf der Seite liegender Frauenakt, 1917, Nahmad Collection
„Schau mir zuerst in die Augen“ – scheint dieser Blick zu fordern. Amedeo Modigliani musste nicht erst mit der Tradition brechen, um neue künstlerische Wege zu gehen. Der Auf der Seite liegende Frauenakt erinnert deutlich an Jean-Auguste-Dominique Ingres Große Odaliske aus dem Louvre in Paris. Doch bei Modigliani bestimmt die anonyme Nackte, wie es weitergeht.
Das sind keine misslich abhängigen Prostituierten, wie unverdrossen behauptet wird. Und der Skandal, den Modiglianis einzige Soloschau 1917 hervorruft, ist auch keiner: Im Schaufenster der Galeristin Berthe Weill an der Pariser Rue Taitbout wird ein Akt Modiglianis ausgestellt und sorgt bei Polizisten den nahen Polizeiwache für Unmut. Berthe Weill kommt der Schließung zuvor, indem sie den „Akt des Anstoßes“ aus ihrem Schaufenster entfernt. Es ist die Schambehaarung, die dem Chef der Polizeiwache missfällt. Womöglich auch der direkte Blick? Das Selbstbewusstsein, das zum Ausdruck kommt?

Amedeo Modigliani: Liegender Frauenakt auf weißem Kissen, 1917, Staatsgalerie Stuttgart, erworben mit Lotto-Mitteln 1959
Das nennt man einen Schlafzimmerblick. Dazu kommt samtig wärmendes Rot, das Modiglianis Liegenden Frauenakt auf weißem Kissen verführerisch in Szene setzt. Der Künstler knüpft an die mythologisch verbrämten Darstellungen nackter Göttinnen an und dachte dabei sicher auch an Tizians Venus von Urbino, die er aus den Uffizien in Florenz kannte. Mit dem augenfälligen Unterschied, dass ihre moderne „Wiedergeburt“ ganz irdisch mit Schamhaaren dargestellt ist. Es könnte sein, dass dieser 1917 gemalte Akt die Polizei alarmiert hat.

Paula Modersohn-Becker: Liegender weiblicher Frauenakt, 1905/06, Döpfner Collection
Eine sehr direkte Erotik, wie sie auch bei Modigliani zu finden ist, bevorzugen auch Paula Modersohn-Becker und Émilie Charmy in ihren Aktdarstellungen. Dazu kommen die Schambehaarung und markante Anschnitte, durch die die Frauen fast den gesamten Bildraum einnehmen und so die Spannung steigern. Modersohn-Beckers Liegender weiblicher Akt entstand bereits 1905/06 und damit kurz bevor Modigliani in Paris eintrifft.
Sucht man nach Entsprechungen für die Kunst Modiglianis, so wird man weniger in Paris als unter den Kollegen im deutschsprachigen Raum fündig. Um Unmittelbarkeit und Natürlichkeit ging es August Macke ebenso wie Ernst Ludwig Kirchner, und wie Modigliani distanzierten auch sie sich von einer Darstellung der Frau als femme fatale.

Ernst Ludwig Kirchner: Akt auf blauem Grund, 1911, Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
Photo: akg-images
Ernst Ludwig Kirchners Akt auf blauem Grund aus dem Jahr 1911 weist Parallelen zu den sitzenden Akten Modiglianis auf ...

August Macke: Akt mit Korallenkette, 1910, Sprengel Museum Hannover, Schenkung Sammlung Sprengel 1969
Photo: bpk / Sprengel Museum Hannover, Schenkung Sammlung Sprengel 1969 / Herling/Gwose/Werner
... genauso August Mackes mit sich beschäftigter Akt mit Korallenkette von 1910.
Seine Bilder besitzen eine unendliche Würde und Vornehmheit. Man wird ihn ihnen nichts Gewöhnliches, Grobes oder Banales finden.


Amedeo Modigliani: Junge Frau in gelbem Kleid (Renée Modot), 1918, Sammlung Fondazione Francesco Federico Cerruti per l’Arte, Dauerleihgabe an Castello di Rivoli, Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Turin
Der Krieg rückt näher: Im März 1918 flieht Modigliani mit Jeanne Hébuterne vor den Bomben in den Süden nach Cagnes-sur-Mer und Nizza. Der Zustand des lungenkranken Künstlers hat sich seit Monaten verschlechtert, und das milde Mittelmeerklima verspricht Besserung. Das Paar wird über ein Jahr an der Côte d’Azur bleiben. Kurz nach dem Waffenstillstand im November 1918 kommt die gemeinsame Tochter Jeanne zur Welt, doch die Hochzeit scheitert, weil Modigliani die nötigen Dokumente fehlen.
In dieser Phase beginnt er sogar, Landschaften zu malen, die nicht nur durch die zarten Farben an Paul Cézanne erinnern. Vor allem aber bildet sich Modiglianis „klassizistischer“ Spätstil heraus. Die Konturen längen sich weiter, werden weicher und die locker aufgetragenen Pastelltöne freundlicher. Harmonie und Schönheit spielen mehr und mehr eine Rolle, und die Gesichter mit den oft pupillenlosen Augen wirken wie entrückt.

Amedeo Modigliani: Mädchen in schwarzer Schürze, 1918, Kunstmuseum Basel, Geschenk von Georgette Denise Simon, Basel
In Südfrankreich arbeitet Modigliani in den Jahren 1917/18 oft parallel an mehreren Gemälden. Das Mädchen in schwarzer Schürze wirkt trotz seiner wissenden Melancholie kindlich, auch weil die Kleine mit ihren Händen nichts anzufangen weiß. Der lange Hals und der geneigte Kopf sind typisch für den Maler, und doch fühlt man sich an die Kinderbildnisse von Paula Modersohn-Becker erinnert.
An der Côte d’Azur porträtiert Modigliani Dienstmädchen, Verkäuferinnen – und zum ersten Mal Kinder. Jeanne, die Liebe seines Lebens, ist sein bevorzugtes Modell, doch dem Paar bleibt nicht mehr viel gemeinsame Zeit.

Amedeo Modigliani: Jeanne Hébuterne im gelben Pullover, 1919, Ohara Museum of Art, Kurashiki
Jeannes kupferrotes Haar schmiegt sich wie ein Madonnenschleier um ihr geneigtes Gesicht, die hellblauen Augen blicken ins Leere. Modigliani stellt seine Gefährtin nie in Männerkleidung dar wie die zahlreichen femme garçonnes in seinem Werk. Ihr legerer Rollkragenpullover lässt dagegen an eine Studentin der 1960er oder 70er-Jahre denken.
Modigliani erkrankt erneut an Tuberkulose, heftiger denn je. Zurück in Paris stirbt der Künstler am 24. Januar 1920 mit nur 35 Jahren. Jeanne sieht keine Zukunft mehr und nimmt sich am Tag darauf das Leben.
Der Tod nahm ihn, als er zu Ruhm gelangte
Wie ein langer Schatten hat sich dieses erschütternde Ende über das Schaffen Modiglianis gelegt. Dabei begann der Maler, mit seinen Werken endlich in Paris und sogar in London präsenter zu werden, Erfolge stellten sich ein. All die unkonventionellen Frauen, die Modigliani so sinnlich wie ernsthaft ins Bild gesetzt hat, erzählen ohnehin, wie sehr dieser Künstler über seine Zeit hinausgedacht hat.